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Dunkel

(An hellen Orten unwahrscheinlich)


Zuerst war nichts als Stille.

Als ich meine Augen öffnete kam noch die Finsternis hinzu.

Nicht die Art von Finsternis, die durch das Umlegen eines Lichtschalters vertrieben werden kann.

Sondern eine dicke, klebrige, zähe Dunkelheit.

Ich atmete tief ein und die Luft schmeckte nach Feuchtigkeit, nach Moder und nach Verfall.

Das Geräusch meines Atemzuges drang gedämpft in meine Ohren, mehr ein Fühlen als ein Hören.

Und dann war es wieder still, für eine unendlich lange Zeit.

Ich spürte, dass ich auf dem Rücken lag, die Hände auf der Brust gekreuzt.

Ich versuchte mich zu bewegen, ganz zögerlich und sachte, nur die Spitze eines Fingers um den Bruchteil eines Millimeters, so wie man einen Brief, der eine Hiobsbotschaft bringt, nur langsam und zögernd öffnet, um den Moment, indem die Ahnung zur Gewissheit wird, so lange wie möglich hinauszuschieben.

Vielleicht hatte sich die Fingerspitze bewegt, vielleicht nicht.

Ein neuer Versuch.

Ich ließ meine Hand langsam nach unten gleiten, über kühlen, feuchten, faltigen Stoff, ließ die zweite Hand der ersten folgen, legte meine Arme an meine Körperseiten und ließ sie von da nach außen wandern.

Noch bevor ich nach wenigen Zentimetern auf ein mit Stoff bezogenes Hindernis stieß, wusste ich bereits, dass es dort sein würde.

Noch bevor ich meine Arme nach oben ausstreckte wusste ich, dass es auch über mir sein würde.

Noch bevor ich dagegen klopfte, wusste ich, dass aus schwerem, massivem Holz sein würde.

Und noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, wusste ich, dass ich gestorben und begraben worden war.

"Scheisse..." sagte ich und meine Stimme klang so dumpf und hohl, wie man es von einem Toten erwarten würde.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, wann und vor allem wie das passiert sein konnte.

Vielleicht war ich gar nicht tot.

Vielleicht hatte man mich lebendig beerdigt.

Ein Gedanke, der zwar nicht viel besser wäre, der aber die Dauer dieses Zustandes erheblich absehbarer machen würde.

Dann fiel mir ein, dass ich bisher nur einmal geatmet hatte und das auch nicht weil ich den Drang verspürte, sondern nur um ein Geräusch zu erzeugen und auch jetzt hatte ich nicht das Verlangen Luft zu holen.

"Ok..." dachte ich "Warten wir einfach mal ab..."

Während ich darauf wartete, dass mein Körper nach Atemluft verlangte, zählte ich leise mit.

Bei 6000 hörte ich auf.

Ich suchte vergeblich meinen Puls, lauschte und tastete ebenso vergeblich nach meinem Herzschlag.

"Gut, du bist also tot." sagte ich "Versuche dich zu erinnern, was passiert ist."

Bruchstücke von zusammenhanglosen Szenen blitzen in meinem Kopf auf, zuerst völlig wirr und ungeordnet, doch dann schaffte ich es, eine dieser Szenen zeitlich einzusortieren und daran anzuknüpfen.

Stück für Stück rekonstruierte ich mein Leben bis ich an den Punkt kam, nach dem meine Erinnerungen abrissen.

Frühjahr 2010, die 50er Packung Viagra, 18 Stunden Dauermasturbation, der Stich im Herzen, der Tunnelblick, das Gefühl, wie durch Watte zur Decke zu schweben...

Und dann Dunkelheit.

Keine Stimme, die mich aufforderte ins Licht zu treten, keine nebulösen Gestalten die mich geleiteten, kein alter Mann mit Rauschebart, der das goldene Himmelstor für mich öffnete.

"Verdammt, ich wusste, dass ich es eines Tages übertreiben würde..." dachte ich.

Ich fasste mir zwischen die Beine, in der Hoffnung, das Viagra würde bis über den Tod hinaus wirken.

Aber leider...

"Naja, wäre auch zu schön gewesen..." seufzte ich.

Dann drehte ich mich auf die Seite und versuchte eine Weile zu schlafen.
18.5.10 13:28
 


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