Raumkraut
Raumkraut

Ich
Archiv
Kontakt
Abonnieren
Obdachlos

Langsam zogen die dicken Wolken weiter und der Vollmond nutzte die Gelegenheit und beleuchtete den kleinen Park und die zwei Gestalten, die dort auf einer Bank saßen und sich bereits seit einiger Zeit anschwiegen.

Mitternacht war längst vorüber und die Luft war durchzogen von feuchten, schweren Nebelschwaden.

"Stadtsanierung..." höhnte Willi plötzlich und zitierte, wohl zum 1000sten Mal, die Mitteilung, die sie vor mehreren Wochen an den Toren ihres Friedhofs gefunden hatten: "Aufgrund dringender Baumaßnahmen im Zuge der Stadtsanierung, wird der Alte Friedhof in Kürze verlegt und damit Teil des Zentralfriedhofs. Wir werden uns bemühen, die Struktur des Alten Friedhofs so getreu wie möglich in den Zentralfriedhof zu integrieren und versichern Ihnen, dass Ihre werten Verstorbenen auch in ihrem neuen Zuhause in Frieden ruhen werden."

"Ich weiss..." sagte Horst "Du redest ja ununterbrochen davon."

"Niemand ruht in Frieden." brauste Willi auf "Die haben nur die Grabsteine abtransportiert und den Rest übergebügelt. Zubetoniert. Das wäre ja lustig gewesen, wenn wir in unseren Gräbern gewesen wären und uns 200 Jahre lang mit den Fingernägeln durch 50 cm Beton hätten kratzen müssen."

"Du hast noch Fingernägel?" fragte Horst.

"Nein...das ist es ja gerade..." antwortete Willi und knabberte an seinen faulenden Fingerstummeln.

Eine Weile saßen die beiden Zombies wieder schweigend nebeneinander und jeder hing seinen trüben Gedanken nach.

"Weisst du..." sagte Horst "Ich finde es gar nicht mal so schlecht hier..."

"Ach, und anstatt in deinem gemütlichen, warmen und trockenen Sarg zu schlafen, liegst du hier lieber in der kalten, feuchten Erde unter dem Rhododendron und puhlst dir Kellerasseln und Regenwürmer aus der Nase?"

"Nein, das nicht." gab Host zu "Und wenn ich noch leben würde, hätte ich jetzt wahrscheinlich Rheuma vom Allerübelsten. Aber bald wird es nachts wärmer sein und dann schläft bestimmt ab und zu ein Penner hier und ehrlich gesagt würde ich gerne mal wieder Menschenfleisch essen und nicht immer nur Regenwürmer und Asseln."

"Und da fällt dir nichts Besseres als ein Penner ein? Ein ungewaschener, verlauster, nach billigem Rotwein schmeckender Obdachloser???"

"Ach ja...und was dürfte ich dann für Graf Rotz kredenzen? Die Prinzessin von Transsilvanien?"

"Hm ja, die war lecker..." schwelgte Willi in alten Erinnerungen. Dann besann er sich. "Ich hätte gerne mal wieder einen kreischenden Teenager."

Genießerisch verdrehte er die Augen.

"Verdammt." sagte er plötzlich.

"Was ist los?"

"Meine Augen. Ich kann sie nicht mehr zurückdrehen. Und jetzt starre ich mir permanent über meine linke Schulter."

"Ist doch cool." sagte Horst grinsend. "Da kannst du immer sehen was hinter dir passiert."

"Lass den Blödsinn. Das ist kein Witz."

"Es ist aber so lustig wie ein Witz." gackerte Horst und schlug sich vor Vergnügen auf den Oberschenkel, wobei sich eine dicke Eiterbeule öffnete und ihren Inhalt mehrere Meter weit in der Gegend verspritzte.

"Sieh mal..." sagte Horst "In das Loch kann ich meine ganze Faust stecken..."

"Anstatt mit deinen Beulen zu spielen könntest du mir vielleicht lieber mit meinen Augen helfen..." nörgelte Willi.

"Ok, zeig mal her. Ich dreh deine Augen wieder zurück"

"Hast du saubere Finger?"

Horst besah sich seine Hände, an denen der Dreck von Jahrhunderten klebte.

"Klaaar..."

Er drückte und drehte an Willis Augäpfeln herum.

"Sei vorsichtig!!!" brüllte Willi.

"Gut, ist es so besser?"

"Nein, zum Teufel, ich schiele."

"Stimmt, das sieht zum totlachen aus. Also, warte...so...jetzt aber..."

Willi atmete auf und Horst erhob sich langsam .

"Ich verdrück mich unter meinen Rhododendron. Bis die Tage dann..."

"Joa, bis die Tage und danke nochmal."

Als Horst wenig später in der feuchten, kalten Erde lag und in seiner Nase puhlte, lachte er plötzlich kurz auf.

"Ich bin aber auch ein Idiot." sagte er und schüttelte den Kopf "Ich hätte ihm ein Auge klauen sollen. Ist zwar nicht das Gelbe vom Ei aber schmeckt bestimmt besser als diese muffigen Kellerasseln."

Dann sagte er nichts mehr sondern starrte stumm in die Dunkelheit und träumte von einer großen Portion Dünndarm mit Tomatensauce.
9.4.10 19:59
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Designed by Raumkraut

Gratis bloggen bei
myblog.de